EINBLICKE - LEBEN IN DER SOZIALISTISCHEN UTOPIE

18. November 2008 - 6. Dezember 2008

Berlin, Karl-Marx-Allee, Block C

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Vernissage am 15. November 2008 um 19 Uhr. Es spricht József Mélyi (Budapest).

AXEL HALLING - TIMEA N. KOVÁCS - YLVA QUEISSER - LIDIA TIRRI

Auf die Frage, was denn eine Stadt sei, antwortete der griechische Geschichtsschreiber Thukydides „Andres gar polis“ - Menschen sind eine Stadt. Diesem einfachen Prinzip folgt auch diese Ausstellung, welche von einer Pécser Wohnsiedlung und der Berliner Karl-Marx-Allee, ihren Bewohnern und deren Lebensgeschichten handelt.
Die Soziologin Ylva Queisser und die Fotografin Lidia Tirri hatten im Jahr 2002 Erstbewohner der Ostberliner Karl-Marx-Allee ausfindig gemacht. Sie führten mit ihnen Interviews und dokumentierten dabei auch die Wohnungen der Gesprächspartner, um auf diese Weise die privaten Lebensstile und die damit verbundenen persönlichen Einrichtungen vorzustellen. Aus dem gesammelten Material wurde am 7. Januar 2003 in Berlin die Ausstellung „Leben hinter der Zuckerbäckerfassade“ präsentiert – genau 50 Jahre, nachdem die ersten Bewohner in die repräsentativste Prachtstraße Ost-Berlins einziehen konnten.
Aus fast genauso langer, fünfzigjähriger Distanz konnten Axel Halling, Timea N. Kovács und Lidia Tirri auf den Beginn der Geschichte der Pécser Uranstadt zurückblicken. Die Interviews mit den Bewohnern der von 1956 bis 1974 an kontinuierlich entstandenen Wohnsiedlung wurden im Herbst 2006 geführt. Die zuerst „Westlicher Stadtteil“, dann „Újmecsekalja“ und schließlich „Uranstadt“ genannte Siedlung zählte zu den modernsten ungarischen Wohnsiedlungen der 60er Jahre, und die hier Herziehenden konnten sich für mindestens ebenso privilegiert halten wie die ostdeutschen Arbeiter, die in der Karl-Marx-Allee eine Wohnung bekamen.
Die Pécser Uranstadt und die Ostberliner Karl-Marx-Allee unterscheiden sich in vielen Punkten. Die Gebäude und die Proportionen der Wohnungen differieren deutlich, obwohl Stadtplaner und Architekten von dem gleichen Prinzip bewegt wurden: modernen, anspruchsvollen Wohnraum für die dort einziehende Arbeiterschaft zu gestalten. Das Repräsentationsbedürfnis der Stalinzeit, das der Karl-Marx-Allee ihr Gepräge gab, ist in der Uranstadt einer pragmatischen Moderne gewichen.
Sichtbar wurde jedoch auch der gemeinsame Rahmen, den die Ideologie des Sozialismus für die Bewohner vorgab. Zu dieser Frage sind schon eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten geschrieben worden. Axel Halling, Timea N. Kovács, Ylva Queisser und Lidia Tirri haben sich nicht für die großen historischen Ereignisse interessiert, sondern für die Erinnerungen der Bewohner: an die Anfängen ihrer Wohnsiedlung und wie ihre persönliche Lebensgeschichte sich mit der Geschichte ihres Stadtteils verflochten hat. Mit ihrer Arbeit haben sie Geschichte, Schicksale und Lebenswege der Stadtbewohner sichtbar gemacht. Denn wie Thukydides bereits sagte, waren und sind sie ein Teil der Stadt.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kulturinstitut der Republik Ungarn in Stuttgart und Pécs 2010. Kulturhauptstadt Europas. Sie wurde unterstützt von der Deutschen Botschaft Budapest, dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO), den Hoffotografen, vom Lenau Verein, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.